„Dann schlaf auch du“ – Leïla Slimani

Taschenbuch btb
Erschienen (als TB): 08. Oktober 2018
ISBN: 978-3-442-71742-2
224 Seiten



Mood

🤔😭🖤



Content

Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Sie ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich Louise zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich. (Klappentext)



Preview

Sie wollen das perfekte Paar sein, Kinder und Beruf unter einen Hut bringen, alles irgendwie richtig machen. Und sie finden die ideale Nanny, die ihnen das alles erst möglich macht. Doch wie gut kann man einen fremden Menschen kennen? Und wie sehr kann man ihm vertrauen? (Klappentext)



Review

Am Anfang der Geschichte wird der Leser direkt mit der unaussprechlichen Tat der Nanny konfrontiert, wenn nicht überfordert. Wer also einen spannenden Thriller erwartet, wird direkt auf den ersten Seiten enttäuscht. Dreiviertel des Buches wirken auf den ersten Leseeindruck langweilig – nicht nur aufgrund des vorweggenommenen Ausgangs, sondern weil augenscheinlich nicht viel passiert. Die Geschichte zeichnet sich jedoch vor allem dadurch aus, dass sie hinter die Fassade des Alltags blicken lässt. Was wie eine Aneinanderreihung von belanglosen alltäglichen Erlebnissen aussieht, lässt in Wahrheit viel mehr offenbaren: Die geheimen Wünsche, Zweifel und Ängste beider Partner.

Im Gegensatz zu den meisten Thrillern, in denen die Frage im Vordergrund steht, wer der Mörder ist, wird hier die Frage nach dem Warum gestellt. Der Leser wird lange auf die Folter gespannt, bis er eine Antwort darauf erhält. Spannung entsteht hierbei demnach auf ungewöhnliche, subtile aber effektive Weise, denn die Autorin schafft es auch ohne einen reißerischen Plot, den Leser bei der Stange (oder besser gesagt beim Lesen) zu halten.

Der schnörkellose, klare und nüchterne Sprachstil betont die Lethargie des alles verzehrenden Alltags, verdeutlicht aber zugleich auch die Naivität, mit der das Elternpaar ins Verderben schlittert.

Nach und nach offenbaren sich in der Familie schon lange unter der Oberfläche schwelende Probleme. Eines der wesentlichen Probleme ist Myriams Konflikt zwischen ihrer Frauen- und Mutterrolle. Sie steht – wie viele andere Frauen auch – zwischen der Entscheidung, eine gute Mutter zu sein und zugleich den Ansprüchen der Berufswelt gerecht zu werden. Dabei kann sie sich nur falsch entscheiden: Konzentriert sie sich auf ihre Karriere, heißt es, sie sei egoistisch. Kümmert sie sich aufopferungsvoll um ihre beiden Kinder, ist sie ein weltfremdes Hausmütterchen und will sie beides miteinander vereinbaren, ist sie verantwortungslos und egoistisch. Hinterfragt man ihre Beweggründe zum Entschluss für die beiden Schwangerschaften, tun sich weitere Abgründe auf. Will sie das erste Kind, weil sie es will, will sie das zweite Kind hauptsächlich deshalb, weil sie dadurch noch länger zu Hause bleiben kann. Doch warum? Weil es zu schwierig ist, überhaupt wieder in den Job einzusteigen? Weil sie die Hoffnung auf ein eigenständiges Leben schon längst aufgegeben hat?

Auch Paul schleppt seine verschlossenen Päckchen vor sich her. Auf der einen Seite hat er ein Problem damit, seine Frau nicht mehr als solche, sondern nur noch als Mutter wahrzunehmen. Auf der anderen Seite hat er ebenfalls ein Problem damit, wenn seine Frau sich vom reinen Muttersein löst, um ihre beruflichen Ziele endlich zu verwirklichen. Als die Nanny Louise in ihrer beider Leben tritt, gibt es einen Moment, in dem er sie nicht mehr als Kindermädchen, sondern als Frau sieht, die er attraktiv findet, so wie es eigentlich bei Myriam der Fall hätte sein müssen.

Als modernes Elternpaar liegt die einfache Lösung für all ihre Probleme in der Beauftragung eines Kindermädchens. Schließlich macht das doch heutzutage jeder. Dabei ahnen sie nicht, welcher Gefahr sie die Kinder aussetzen, indem sie die ihnen völlig fremde Frau in ihren Mikrokosmos Familie lassen. In der gesamten Handlung schwebt die Schuldfrage über dem Ehepaar. Hätten sie den Mord an ihren Kindern verhindern können? Hätten sie Louises psychische Störungen nicht erkennen müssen? Nein, hätten sie nicht, denn sie war, wenn auch zeitweise etwas verschroben, undurchschaubar.

Die Nanny ist als eine sehr interessante Figur angelegt. Sie wird immer wieder als Puppe beschrieben. Sie hat top Referenzen, ist stets gut gelaunt, nie genervt oder verzweifelt – so wie Myriam – und ist in ihrer Arbeit höchst ambitioniert. Sie kümmert sich außerdem um den Haushalt, ist Mädchen für alles. Sie denkt sich immer wieder neue Spiele für die Kinder aus und beginnt sie abgöttisch zu lieben, als wären es ihre eigenen Kinder. Sie opfert ihr Privatleben ganz der neuen Familie. Und sie schafft es, die Eltern wieder näher zueinander zu bringen. Sie scheint einfach perfekt. Doch die Gefahr bei einer leblosen Puppe ist, nicht in sie hineingucken zu können. Während das Innenleben der Protagonisten Myriam und Paul von Anfang an beschrieben wird, erfährt der Leser nichts über die Seele des zugeknöpften Kindermädchens. Doch niemand ist perfekt. Allmählich entfaltet sich ein Psychogramm ihres Charakters. Sie wirkt nur deshalb wie eine Puppe, weil sie in ihrem Innern schon längst zerbrochen ist. Obwohl sie selbst eine eigene Tochter hat, hat sie ein schlechtes Verhältnis zu ihr. Stattdessen kümmert sie sich um fremde Kinder, vielleicht in der Hoffnung, wieder etwas gutmachen zu können. Sie schafft es durch ihre engagierte Art, eine Abhängigkeit der Familie zu ihr aufzubauen. Es entsteht eine „Dreiecksbeziehung“, in der sie einen entscheidenen Part spielt. Sie hält die Fäden der Familie in der Hand. Sie kann mit ihnen spielen wie mit Marionetten, denn auf sie sind sie nun mal angewiesen. Als sich Louise auf die Vision versteift, Myriam solle ein drittes Kind bekommen und sie merkt, dass dies nicht geschehen wird, bröckelt ihre einzige Hoffnung auf das Ende ihrer Einsamkeit. Einst haben sie alles geteilt, sogar den Urlaub haben sie gemeinsam verbracht, und jetzt merkt Louise, wie sie wieder abgestoßen wird, sobald sie nicht mehr benötigt wird. Eine Nanny bleibt eben bloß eine Nanny. Oder?



Best Quote

„Das Schicksal ist verschlagen wie ein Reptil, es sorgt immer dafür, dass wir auf der falschen Seite landen.“ (S. 113)



Learning

Das Buch fordert einen dazu auf, sich genau zu hinterfragen, warum man eine Familie gründen möchte, was man selbst im Leben erreichen will und wen man in den engsten Kreis der Familie lässt, um seine Ziele zu verwirklichen.

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