„Hotel du Lac“ – Anita Brookner

Eisele
Erschienen (als TB): 31.05.2021 (Originalausgabe: Jonathan Cape, 1984)
ISBN: 978-3-96161-107-2
221 S.
12,00 €



Mood

🖤😜



Content

„Die 39-jährige Schriftstellerin Edith Hope wird von ihren Freunden ins Hotel du Lac am Genfer See verbannt. Dort soll sie über das schändliche Fehlverhalten nachdenken, das sie sich kurz zuvor geleistet hat, und zur Besinnung kommen. Uneinsichtig und trotzig reist Edith am Hotel du Lac an, das ihr trist und gähnend langweilig erscheint. Es nähert sich das Ende des Sommers, die Feriensaison ist vorbei, und auch sonst bietet der Ort nur wenig Ablenkung. Die einzigen anderen Gäste sind die wohlhabende, narzisstische Mrs. Pusey mit ihrer drallen Tochter, die einsame Mme de Bonneuil, die magersüchtige Monica mit ihrem bettelnden Schoßhündchen, und der faszinierende Mr. Neville, der Edith von einer pragmatischen Sicht auf die Liebe überzeugen möchte …“ (Klappentext)



Preview

„Edith Hope wurde von ihren Freunden in Zwangsferien an den Genfer See geschickt. Sie finden, dass Edith sich zu Hause in England einen unentschuldbaren Fauxpas geleistet hat. Wider Erwarten ist sie jedoch auch im gepflegt langweiligen Hotel du Lac verschiedenen Anfechtungen ausgesetzt – und gerät in Versuchung, den nächsten Fehler zu begehen …“ (Klappentext)



Review

Wer kennt das nicht? – Urlaub stellt fernab vom Alltagsstress eine Ausnahmesituation dar, denn wenn man im Urlaub ist, verhält man sich meistens nicht so wie zu Hause. Man hat den ganzen Tag über frei und entwickelt eine ganz eigene Tagesstruktur. Bei der Protagonistin Edith handelt es sich jedoch nicht um einen gewöhnlichen Urlaub, denn sie ist schließlich nicht freiwillig im Hotel du Lac, sondern um eine Art Verbannung ins Exil, weil sie einen zur damaligen Zeit unerhörten gesellschaftlichen Fehltritt begangen hat: als Frau ihren Verlobten vor dem Altar stehenzulassen. Sinn des von ihren Freunden angeordneten Zwangsurlaubs soll es für sie sein, über ihre Tat zu reflektieren und sich ihre Schuld einzugestehen.

Obwohl die Geschichte an sich handlungsarm ist, da sie sich – abgesehen von den Rückblenden – weitestgehend im Mikrokosmos des Hotels abspielt, geschieht unterschwellig dennoch viel, zum einen auf gesellschaftlicher Ebene und zum anderen im Hinblick auf Ediths Psyche. Durch das Geheimnis, welches die Verbannte wie einen schweren Koffer mit sich ins Hotel schleppt, entsteht Spannung.

Für den Leser bleibt es fast bis zum Schluss ein Geheimnis, warum sie in dieses Hotel geschickt wurde. Vieles deutet zunächst darauf hin, dass es sich um einen Selbstmordversuch handeln könnte, nicht zuletzt aufgrund der morbiden herbstlichen Grundstimmung und der altbackenen, biederen Atmosphäre im Hotel. Dieses scheint nur noch Personen zu beherbergen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Man gewinnt den Eindruck, es handele sich um einen Kur- oder Klinikaufenthalt. Die Autorin verwendet zur Beschreibung der depressiven Atmosphäre eine Metapher von Sonne und Mond: Die von Tag zu Tag tiefer stehende Sonne macht Platz für den „aufgehenden Mond“ (Ediths Roman, den sie während ihres Aufenthaltes fertigstellen will). Die glückliche Lebensphase der Protagonistin weicht dunklen Abgründen, in denen sie seit ihrer „Tat“ zu versinken droht.

Als zum Ende hin das Geheimnis ihrer Flucht vor dem Altar und der damit geplatzten Hochzeit gelüftet wird, klingt dieses Ereignis im Angesicht dessen, was man zuerst befürchtet hat, nicht ganz so dramatisch. Wie schlimm dieser gesellschaftliche Fauxpas aber doch zu jener Zeit war, wird an Ediths labilen psychischen Lage deutlich, wobei ihre Gedanken nicht wie erwartet von Schuldgefühlen beherrscht werden. Es ist eher das Tableau an weiblichen Hotelgästen, an denen sie sich zu messen versucht und woran sie kläglich scheitert.

Da gibt es zum einen die verbitterte Monica mit ihrem Schoßhündchen, die gegen ihren Mann rebelliert, indem sie Unmengen an Kuchen in sich hineinstopft, wodurch sich eine Essstörung entwickelt hat. Sie will um jeden Preis auffallen, provozieren. Zum anderen beobachtet Edith Mrs. Pusey argwöhnisch. Diese sucht ständig nach Aufmerksamkeit. Sie will immer im Mittelpunkt stehen, ist stilvoll und extravagant gekleidet, prahlerisch und besitzt eine besondere Aura, die auf andere ansteckend wirkt. Ihre Tochter Jennifer wird durch das Strahlen ihrer Mutter in den Schatten gestellt. Sie wirkt kindlich für ihr Alter und abhängig. Die beiden gehen eine bewundernswerte, untrennbare Symbiose ein; sie sind „ein Herz und eine Seele“. Daneben taucht ab und an Mme de Bonneuil in der Hotellobby auf. Sie ist einsam, da sie sich nach ihrem Sohn sehnt, der sie jedes Jahr ins Hotel du Lac abschiebt. Alle Frauen haben mehr oder weniger gemeinsam, dass sie abhängig von (ihren) Männern sind.

Edith setzt sich in Bezug zu den anderen und lotet ihre eigene Position aus. Dabei nimmt sie die Rolle der Voyeurin ein, die mit wachsamem Blick die Frauen durchschauen will, so wie es als Schriftstellerin ihre Aufgabe ist. Doch so einfach ist es nicht. Monica führt ihr in einem Gespräch vor Augen, dass sie keine gute Intuition besitzt, was die Einschätzung anderer Personen angeht. Ein Beispiel hierfür ist die Alterseinschätzung der Pusey-Frauen, die die Protagonistin immer wieder korrigiert. In ihrer Wahrnehmung werden die beiden immer älter, je länger sie sie beobachtet. Die Charakterisierung der Frauen basiert demnach auf der äußerst subjektiven Wahrnehmung der Hauptfigur. Interessant ist der an ausgewählten Stellen eingesetzte Wechsel der Erzählperspektive. Beispielsweise wird Edith einmal aus der Sicht des Hoteldirektors geschildert: Sie fällt ihm kaum auf, weil er keinen persönlichen Bezug zu ihr hat. Für ihn ist sie beliebig und austauschbar.

Auch Edith ist sehr selbstkritisch und sieht sich im Gegensatz zu den anderen Frauen als unscheinbare „alte Jungfer“. Sie scheint nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein. Auch ihr Selbstbild als Schriftstellerin leidet zusehends darunter. Ihr Verleger verlangt von ihr immer ausdrücklicher, sie solle doch mal sexuelle Themen in ihren Romanen behandeln, was die Frau von heute mehr interessieren würde als romantische Liebesgeschichten. Edith will sich dem aber nicht beugen. Sie ist durch und durch Idealistin und unerschütterliche Verfechterin der romantischen Liebe – alles andere wäre nicht mehr ihre eigene Handschrift. Als Schriftstellerin besitzt sie die Macht, sich ihre Traumwelten selbst zu erschaffen, in der die Guten am Ende gewinnen. Jedoch prallt sie dadurch gnadenlos mit der Realität zusammen. Hier sind es nämlich die „Femmes Fatales“, die jedes Mal gewinnen – Frauen wie Monica und die Puseys. Doch auch in ihr steckt eine unerwartete andere Seite. Wie man erfährt, ist sie vor ihrer Verlobung eine Affäre eingegangen. Das müsste normalerweise als der eigentliche Fauxpas angesehen werden, wird aber ohne weiteres toleriert.

Während sich Edith so langsam in der neuen Umgebung orientiert, taucht Mr. Neville als diabolische Instanz auf, als Karikatur des Deus ex Machina (an dieser Stelle seien die sprechenden Namen betont: Edith Hope, die Hoffnungsvolle und Mr. Neville, der Devil in Person). Er stellt sie auf die Probe und führt sie in Versuchung. Dabei werden die moralischen Paradigmen ad absurdum geführt: Die teuflische Tat ist hier nicht die Affäre, die auch mit kaum einem Wort kritisiert wird, sondern die platonische Ehe, die den Wunsch nach Liebe auslöschen soll. Edith wäre diesen teuflischen Pakt tatsächlich eingegangen, doch im letzten Moment erkennt sie den wahren Charakter von Mr. Neville. Plötzlich geht ihr ein Licht auf: Er selbst hatte eine Affäre mit Jennifer, der wohlbehüteten Tochter von Mrs. Pusey.

In ihren Briefen an David arbeitet sie über die aktuellen Geschehnisse im Hotel nach und nach auch die vergangenen auf. Der Akt des Schreibens hilft ihr dabei, die Dinge psychologisch zu verarbeiten. Der Leser denkt, sie stehe weiterhin in sozialem Kontakt zu ihrem Liebhaber, doch dann wird irgendwann deutlich, dass sie die verfassten Briefe gar nicht abgeschickt hat. Das legt das ganze Ausmaß ihrer Einsamkeit und Verzweiflung dar. Nur den letzten, in dem sie die Sache mit ihm beenden will, den ist sie im Begriff abzuschicken, tut es dann aber doch nicht, als sie Mr. Neville in letzter Sekunde durchschaut.

Das Verhalten der Hauptfigur ist ambivalent und daher schwierig zu bewerten: Auf der einen Seite sieht Edith sich als die Gute, die im wahren Leben immer ausgenutzt oder ignoriert wird, auf der anderen Seite ist sie es, die eine Affäre eingegangen ist und keine Rücksicht auf Davids Frau nimmt. Sie wünscht sich dennoch nichts sehnlicher, als den Alltag mit einem Partner zu erleben – eben das, was in einer Affäre nicht möglich ist.

Im Gegensatz zu den anderen Frauen erlebt sie eine – wenn auch ziemlich verquere – Emanzipation. Sie könnte entweder eine halbwegs glückliche Ehe führen, in der sie eine angesehene Gesellschaftsposition innehat oder könnte sich für die Weiterführung der Affäre mit David entscheiden, den sie über alles liebt, der aber in seiner Ehe steckt, und sie demzufolge nie das von ihm bekommen wird, was sie sich wünscht. Letztlich entscheidet sie sich wieder für die großen Gefühle – auf die Gefahr hin, jeden Tag ein bisschen verletzt zu werden anstatt auf einmal die Person zu verlieren, die sie am meisten liebt.

Kann derjenige, der leidenschaftliche Gefühle in ihr weckt, zugleich derjenige sein, mit dem sie den Alltag teilt? In einer erfüllten Partnerschaft sind diese beiden Ebenen deckungsgleich, doch bei Edith driften sie auseinander: Leidenschaft und Alltag scheinen unvereinbar, sodass sie das moralisch verwerfliche Recht auf eine Affäre in Anspruch nimmt, um ihre Leidenschaft und Liebe ausleben zu können.



Best Quote

„Literatur, die altbewährte Trösterin der sich unbehaglich Fühlenden, würde ihr zur Hilfe kommen müssen […]“ (S. 84)



Learning

Bevor man jemanden verurteilt und in die Verbannung schickt, ist Kommunikation meistens hilfreich, um Probleme aus der Welt zu schaffen. Es ist auch nicht sinnvoll, alles nur schwarz und weiß zu sehen, denn es gibt so viele verschiedene Facetten zwischen gut und böse, die sich am besten dadurch einordnen und bewerten lassen, indem man darüber spricht.

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