„Die Welt war so groß“ – Rona Jaffe

Ullstein TB
Erschienen als deutsche Ausgabe: 7. September 2018 (engl. Originalausgabe: 1979)
ISBN: 978-3-548-29025-6
528 S.
11,00 €



Mood

💔🛀🏻



Content

„Radcliffe, 1977, es ist das zwanzigste Klassentreffen der Abschlussklasse von 1957. Als Annabel, Chris, Emily und Daphne damals aufs College gingen, war die Welt für Frauen sehr eng. Wer gegen die rigiden Moralvorstellungen der Fünfziger verstieß, wurde mit Verachtung gestraft. Wie Annabel, die sich nahm, was sie wollte, auch sexuell, und dafür von fast allen anderen gemieden wurde. Nur Chris hielt zu ihr, die intellektuelle New Yorkerin mit der spitzesten Zunge des Colleges – und der unerfüllten Liebe zu Alexander. Irgendwann wurden sie doch ein Paar, doch etwas bewirkte, dass sie sich seiner nie sicher sein konnte. Emily, das hübsche jüdische Mädchen, wollte Ärztin werden. Stattdessen heiratete sie einen Medizinstudenten und bekam seine Kinder. Daphne war das Golden Girl der Klasse; sie heiratete den schönsten Studenten der benachbarten Harvard University und bekam mit ihm vier wunderschöne Jungs. Ihre Epilepsie hat sie ihrem Mann verschwiegen, so wie sie Jahre später auch nach außen über ihr fünftes Kind schweigen wird. Beim Wiedersehen nach zwanzig Jahren wird so manches Geheimnis gelüftet und mehr als eine Entscheidung noch einmal überprüft. Kann es einen Neubeginn geben?“ (Klappentext)



Preview

„Sie waren völlig verschieden, aber das Abenteuer Erwachsenwerden schweißte sie auf dem College zusammen: die bildhübsche Daphne, die schüchterne Emily, die selbstbewusste Chris und die lebenslustige Annabel. Es ist das Jahr 1957, als ihre Reise ins richtige Leben beginnt, und zwanzig Jahre später, zum Klassentreffen 1977, ist die Welt eine andere. Und auch im Kleinen, Persönlichen hat sich viel geändert, Ehen wurden geschlossen und geschieden, Kinder geboren, Träume gelebt und Alpträume durchlitten. Das Wiedersehen weckt bittersüße Erinnerungen an die Wünsche von einst. Und die Frage, ob man nicht noch einmal ganz von vorne anfangen soll…“ (Klappentext)



Review

Lässt sich wirklich alles noch mal auf Anfang stellen? Ist es möglich, seinen bisherigen Werdegang einfach wegzuradieren wie eine misslungene Bleistiftskizze? Und kann man von Stunde 0 aus eine komplett andere Richtung einschlagen? Dies sind die Fragen, die sich durch die Geschichte ziehen – sowohl durch die Zeitgeschichte als auch durch die Geschichte der vier Protagonistinnen, die durch ihr Studium bereits einen konkreteren Lebensweg gewählt haben, vor denen aber zugleich noch eine offene Zukunft liegt. Sie befinden sich – um es wirtschaftsterminologisch auszudrücken – am „Break-point even“, an dem Punkt, an dem weder Verlust noch Gewinn erwirtschaftet werden. Alle weiteren Entscheidungen der Charaktere sind Investitionen für die Zukunft. Trotz der ihnen von der Gesellschaft vorbestimmten zugewiesenen Frauenrolle als Hausfrau und Mutter gibt es für die vier Mädchen einen gewissen Spielraum, welchen jedes von ihnen individuell gestalten könnte. Daher sehen ihre Lebensläufe auch ziemlich unterschiedlich aus.

Zunächst einmal lernen wir im Prolog die Mädchen im Erwachsenenalter zum Zeitpunkt ihres 20-jährigen Klassentreffens kennen. Durch diese angewandte Prolepse wirken die vier Figuren noch abstrakt, fremd und distanziert. Erzähltechnisch brillant konzipiert, erzählt jede Frau aus ihrer eigenen Sicht die Situation der ersten Begegnungen mit den Studienfreundinnen von einst. Nach und nach erfährt der Leser mehr über sie. Nicht etwa, indem der Erzähler über sie berichtet, sondern jede von ihnen die anderen charakterisiert – aus ihrem eigenen Blickwinkel heraus. Im Epilog wird die Szene aus dem Prolog noch einmal aufgriffen und fortgeführt. Somit bilden Pro- und Epilog einen Rahmen für all das, was in der Mitte der Handlung, die Zeit während des Studiums und danach, passiert.

Zur Zeit des Studiums werden die Protagonistinnen äußerst stereotyp dargestellt: Annabel, die vermeintliche Diebin, ist mit Chris, der humorvollen Streberin, befreundet. Und während Daphne sich einen Ruf als das vollkommene „Golden Girl“ macht, ist Emily schlichtweg als die Jüdin mit den vielen Kaschmirpullovern am College bekannt. Die so unterschiedlichen Mädchen mit den verschiedensten kulturellen und sozialen Hintergründen werden am College zusammengewürfelt und bauen mit der Zeit eine mehr oder weniger enge Beziehung zueinander auf.

Alle vier Protagonistinnen verstecken etwas in ihrem Innern, um die Scheinwelt der 50er und 60er zu wahren: Annabel versteckt ihren Alkoholkonsum und ihren Wunsch nach Unabhängigkeit, Daphne verschweigt ihre Epilepsie, Emily vergräbt ihren Traum, Ärztin zu werden unter der ihr zugedachten Mutterrolle und Chris lebt in einer Ehe mit ihrem homosexuellen Mann. Aber auch die Männer sind darauf bedacht, sich lediglich von ihrer besten Seite zu zeigen: Richard versteckt seine mongoloide Tochter, indem er sie in einem Heim von dem Rest der Familie abschottet, und der Filmproduzent Max verbirgt seine Einsamkeit hinter dem Glamour Hollywoods.

Am interessantesten ist meiner Meinung nach die Geschichte von Chris und Alexander. Chris ist eine von der Autorin facettenreich konzipierte Figur, denn sie ist ein Widerspruch in sich: auf der einen Seite Streberin und auf der anderen – wie ihre Kommilitoninnen sagen – einer der humorvollsten Menschen des Colleges. Ihr Herz hängt seit jeher an Alexander, der jedoch eindeutig etwas zu verbergen hat, denn er lässt sie emotional nicht an sich heran. Doch Chris schafft es, die von ihm erschaffene Distanz zu überwinden und ihn letztlich sogar zu heiraten. Doch zu welchem Preis? Alexander gibt für sie seine sexuelle Identität auf, weil er Chris ebenfalls liebt, auf eine andere Art und Weise. Selbst als er später schwach wird und Affären mit Männern hat, so wie es vor der Beziehung mit Chris auch der Fall war, finden die beiden wieder zueinander. Das wirft die schwierig zu beantwortende Frage auf, ob es sich hierbei um Selbstbetrug oder um die stärkste Form der Liebe handelt …

Abgesehen von Chris und von Annabel, die sich von ihrem Mann scheiden lässt und sich für ein eigenständiges Leben entscheidet, gehen die anderen beiden Frauen eher klassische Wege, weshalb einem einige Passagen langatmig erscheinen. Wer einen Storyplot à la Fifty Shades of Grey erwartet, wird mit Sicherheit enttäuscht. Es wird zwar von einem Umbruch während der Studienzeit gesprochen, doch dieser ist für den Leser von heute kaum mehr spürbar. Vielmehr vollzieht sich ein schleichender Wandel über die Jahre hinweg, mündend in der späteren 68er-Revolution, doch selbst danach schleppen die Protagonistinnen ihre Geheimnisse noch vor sich her und versuchen weiterhin, den Schein der Perfektion zu wahren. Es gibt auch noch einen zweiten Teil, „Die wilden, wunderbaren Jahre“, ein Wiedersehen zum 25. Klassentreffen, welchen ich zugegebenermaßen allerdings nicht mehr lesen würde, da die Geschichte in sich abgeschlossen ist und nicht noch weiter ausgeführt werden muss.

Nun aber konkret: Was ist dann das Spannende an diesem Klassentreffen? Eine Antwort auf die Frage zu finden, ob sich die Charaktere nach 20 Jahren auch nur wieder an diese Stereotypen erinnern oder ob sie sie einfach abstreifen können wie einen Kaschmirpullover. Oder anders: Haben die Mädchen es geschafft, sich im Laufe ihres Lebens von diesen Stigmata zu befreien und gar über sie hinauszuwachsen, sich komplett neu zu definieren? Größtenteils ja, allerdings mit einem mitschwingenden Aber.

Emily Applebaum-Buchman beispielsweise will ursprünglich Ärztin werden, doch leider lässt sie sich bei ihrem College-Beratungstermin umstimmen: „Wenn Sie sich so für Medizin interessieren, Emily, heiraten Sie einen Arzt. Sie werden hier eine Menge netter junger Männer kennenlernen, lauter angehende Ärzte. Die medizinische Fakultät von Harvard ist eine der besten im ganzen Land.“ (S.38)

Später hat sie nicht mehr die Gelegenheit, ihren Traum zu verwirklichen. Bei einem während des Klassentreffens stattfindenden Vortrag einer Ärztin, die es tatsächlich geschafft hat, wird ihr vor Augen geführt, dass sie früh hätte anfangen müssen, sich für ihren Traum einzusetzen und dass dies viele Entbehrungen gekostet hätte, obgleich sie es damals auch hätte schaffen können. Doch das Studium der Frauen war damals primär darauf ausgelegt, einen Mann zu finden, eine gute Partie zu machen. Sie sollten Bildung nur der Bildung wegen genießen und imstande sein, gesellschaftsfähige Konversation zu betreiben, um die Männer zu unterstützen, doch eigene berufliche Ziele sollten sie nicht verfolgen. Emily findet schlussendlich doch noch eine Möglichkeit, etwas mit ihrem Studienabschluss anzufangen, auch wenn es in eine etwas andere Richtung geht als ursprünglich geplant.

Und Daphne, das Golden Girl, schafft es nach vielen Jahren Ehe, ihren Goldschimmer und ihren Drang nach Perfektion abzustreifen, indem sie ihrem Mann ihre Epilepsie gesteht. Doch auch hier wieder ein Aber: Obwohl sie ihre Tochter vermisst, lässt sie sie im Heim, weil es besser für alle sei. „Das Leben war [eben] eine genetische Auktion“ (S. 18).



Best Quote

„Männer hatten einen Beruf, Frauen hatten Jobs.“ (S. 164)



Learning

Würde man sein bisheriges Leben mitsamt seinen guten und schlechten Entscheidungen auslöschen können, würde man erst gar nicht den Drang verspüren, etwas anders zu machen, da einem die Erfahrungen fehlen. Nur anhand von Erfahrungen wird man sich seinem Lebensstandpunkt bewusst. Auch wenn man durch seine Vergangenheit nie ganz unbeeinflusst bleibt, steht einem die Zukunft dennoch offen. Man hat sein Schicksal nicht immer in der Hand, doch man kann versuchen, das Ruder wieder in die Hand zu nehmen, wenn man das Gefühl hat, das Leben sei einem entglitten.

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