Slow Reading

Das Konzept

Heutzutage kommt es immer mehr darauf an, so viele Bücher wie nur möglich zu lesen. Sprüche wie „Ich lese jeden Tag mindestens ein Buch“ kommen in der Regel gut an oder werden mittlerweile vorausgesetzt, um als belesen zu gelten. Fragt man aber nach Details aus den Büchern, so heißt es oft „Ach, das ist schon so lange her, ungefähr zwei Wochen. Das weiß ich doch jetzt nicht mehr!“ Was man hatte, war eine kurze Unterhaltung während des Lesens – nicht weniger und nicht mehr. Das ist sehr schade, denn dabei können die Bücher, wenn man die richtigen Texte auswählt, viel ergiebiger sein, als dass sie nur ein kurzweiliges Vergnügen bieten. Es ist sinnvoller, lieber ein gutes Buch anstatt 100 schlechte zu lesen. Mit einem guten Buch kann man sich Jahre beschäftigen, mit manchen sogar ein Leben lang, denn sie werfen immer wieder neue Fragen auf, je öfter man sich mit ihnen beschäftigt. Da man selbst sich stetig in einem hermeneutischen Zirkel des Leseverstehens fortbewegt, erschließen sich einem dadurch auch immer mehr Erkenntnisse, so dass das Buch sich mit der Zeit an den Leser anpasst — Lesen ist Dynamik.

Nachhaltigkeit wird in jedem Lebensbereich mittlerweile groß geschrieben. Auch die Verlage gehen immer mehr dazu über, auf Folien zu verzichten, Buchhandlungen verteilen weniger Plastiktüten etc., nur in Bezug auf den Literaturkonsum hat sich noch nichts geändert, eher im Gegenteil: Es entstehen nach wie vor Massen von redundanten Büchern ohne Mehrwert, die sich nicht länger als ein paar Monate (wenn überhaupt) auf dem Markt halten können. Qualitativ hochwertige Bücher hingegen schaffen es höchstens nur durch Mischkalkulation in die Öffentlichkeit. Die Begründung für die Publikation von Mainstream-Büchern ist: Sie tragen die „hohe“ Literatur mit, aber im Grunde macht sie sie zunichte. Auch wenn dieses Konzept kurzfristig gewinnmaximierend sein mag, ist es doch für alle Seiten frustrierend. Autoren sind frustriert, weil sie sich nicht literarisch ausleben dürfen, die Verlage sind deprimiert, weil sie u.a. Bücher auf den Markt bringen, hinter denen sie eigentlich gar nicht stehen, und die Buchhändler sind auch genervt, weil es nur noch wenige empfehlenswerte Werke gibt.

Mit aufwendigen Marketingstrategien werden die Kunden an den Mainstream gelockt. Dabei ist es für den Kunden doch viel wichtiger zu fragen: Was brauche ich im Moment für ein Buch? Womit möchte ich mich auseinandersetzen? Wie kann ich meinen Wissenshorizont zielgerichtet erweitern?
Manchmal möchte man zwar auch einfach nur unterhalten werden, doch nur solange man das selbst so möchte und nicht durch Push-and-Pull-Strategien manipuliert wird.

 

Tipps für nachhaltiges Lesen

… sich von einem Buchhändler beraten lassen
… in hochwertigere Bücher investieren
… die örtliche Bibliothek nutzen
… Flohmärkte besuchen
… nicht ausschließlich Neuerscheinungen kaufen
… nicht nur auf die Bestsellerlisten achten, sondern auch auf die Bestenlisten (z.B. die SWR-Bestenliste)
… Bücher aus kleineren Verlagen lesen
… längst vergessene Bücher aus dem Bücherregal noch mal lesen
… sich auf ausgewählte Titel konzentrieren
… sich vor einem Buchkauf noch einmal fragen, warum man das Buch haben möchte