„Kenia Valley“ – Kat Gordon

Atlantik
Erschienen als deutsche Ausgabe: 24. April 2018
ISBN: 978-3-455-00277-5
432 Seiten



Dieses Buch stand schon eine ziemlich lange Zeit ungelesen in meinem Regal. Im letzten Sommerurlaub auf Sardinien war ich endlich in der richtigen Stimmung, es zu lesen. Seither sind jedoch wieder etliche Monate vergangen; erst jetzt habe ich die Rezension zu Ende verfasst.

Warum es mir so schwer fiel, etwas über die Geschichte zu schreiben, sie mir aber trotzdem nicht aus dem Kopf ging, versuche ich im Folgenden zu beschreiben.



Mood

🐒💋



Content

Theo ist fünfzehn, als er mit seiner Familie in den 1920er Jahren aus England nach Kenia kommt. Dort lernt er den viel älteren Freddie und dessen Geliebte, die wunderschöne Sylvie kennen. Ihre exotische Welt wird auch sein Zuhause – ein Leben voller Glamour, Exzentrik, Affären und Partys, das berühmte Happy Valley Set. Theo verliebt sich in die unerreichbare Sylvie und lässt sich mitreißen von der abenteuerlichen Welt, wo scheinbar alles möglich ist.

Als Theo nach seinem Studium in England nach Kenia zurückkehrt, ist nichts wie zuvor. Das Land hat sich verändert, und er sich auch. Sein Vertrauen in die Freunde und ihre kleine Welt inmitten des kolonialen Afrika bekommt Risse – und die Lage wird zunehmend bedrohlich. (Klappentext)



Preview

Eine bewegende Geschichte über Freundschaft, Treue und Betrug vor dem schillernden Panorama Kenias der zwanziger und dreißiger Jahre. (Klappentext)



Review

Die exotische Atmosphäre Kenias wird von Beginn an sehr greifbar beschrieben. Während Theo, Maud und deren Eltern mit dem Zug ins fremde Kolonialgebiet reisen, um von nun an dort zu leben, kann auch der Leser den Wandel vom europäischen England ins abenteuerliche Kenia miterleben. Je weiter sie auf der Strecke Richtung Süden kommen, desto größer wird die Neugier auf ein neues Leben, auf neue Verheißungen.

Relativ am Anfang der Geschichte steht bereits das Kennenlernen von Theo, Freddie und Sylvie. Auffällig an der Szene des ersten Aufeinandertreffens ist, dass sie sich vorab gegenseitig beäugen, bevor Sylvie und Freddie auf Theo zugehen und sich ihm vorstellen. Normalerweise sollte Theo in ihren Augen nur ein Junge sein, doch sie finden sofort tieferen Gefallen an ihm. Sie begegnen ihm auf Augenhöhe und finden ihn anziehend. Genauso ist es auch andersrum: Theo ist ebenfalls begeistert von der Erscheinung der beiden – nicht nur von Sylvie, sondern gleichermaßen auch von Freddie. Man könnte glatt von „Liebe auf den ersten Blick“ sprechen, nur mit dem Unterschied, dass es sich um eine Dreiecksbeziehung handelt, die sich langsam zwischen ihnen anbahnt, was die Geschichte außergewöhnlich macht. Diese polyamouröse Beziehung kann als Symbol des Freiheitsgedankens und -gefühls der „goldenen“ Zwanziger angesehen werden. Zunächst wird der Eindruck vermittelt, es gäbe gar keine Eifersucht zwischen dem Paar Sylvie und Freddie – denn sie führen eine offene Beziehung – doch als aus dem Duo ein Trio wird, sieht die Sache anders aus. Insbesondere nach Theos Studium in seiner Heimat hat sich bei seiner Rückkehr ins Happy Valley Set einiges verändert, in erster Linie er selbst. Aus der Freundschaft zwischen ihm und Freddie wird plötzlich Rivalität. Man spürt an vielen Stellen eine Spannung zwischen den beiden. Dennoch wird nicht richtig deutlich, wie Sylvie zu dieser Situation steht.

Der Roman ist zugleich ein Entwicklungsroman, da sich Theo vom Jungen zum Pubertierenden hin zum Mann entwickelt. Man solle meinen, Sylvie würde ihn später mit anderen Augen sehen, doch auch, als er noch ein Jugendlicher ist, behandelt sie ihn schon, anders als z.B. seine Mutter, als Erwachsenen. Außerdem stellt Theo für Freddie plötzlich eine Bedrohung dar, doch das Paradoxe ist: Dieser war von Anfang an ein ebenbürtiger Konkurrent für ihn, trotz seines jungen Alters. Mit der Zeit wird Theos Loyalität zu Freddie und auch zu Sylvie von beiden immer mehr auf die Probe gestellt.

Der junge Protagonist verehrt und vergöttert Sylvie. Sie ist so anders als alle anderen Mädchen, die er bisher kannte. Sie ist eine Frau, die Charisma besitzt, die sowohl schillernd als auch verrucht auf ihn wirkt. Er entwickelt ihretwegen regelrecht eine Obsession. Doch obwohl Sylvie als markante Figur erscheint, kommt ihr letztlich weniger die Schlüsselrolle zu als vielmehr Theos jüngerer Schwester Maud.

Sie ist die „Menschliche“, dessen Herzensgüte sich schon als Kind in ihrer Tierliebe offenbart, sie ist die, die nicht in Dekadenz schwelgt, die sich gegen die Machenschaften der Kolonialherren stellt und letztlich mit dem Leben für ihren Mut bezahlen muss. Obwohl sie sich in Afrika so richtig heimisch fühlt und ihr britisches Leben abgestreift hat, wird ihr in der neuen Heimat die Chance auf ein erfülltes Leben dadurch für immer verwehrt. Sie entwickelt sich im Verlauf der Handlung von einer Neben- zur Hauptfigur, denn die Geschichte spitzt sich auf ihre Situation hin zu, und ihr Kind ist es, das Theo von nun an großzieht – nicht etwa wie Maud es vorgehabt hätte in Afrika, sondern in seiner alten feudalen Heimat.

Riskiert man einen Blick auf die Bewohner des Happy Valley Set, lässt sich die psychische Instabilität vieler Figuren erkennen. Im Happy Valley Set sind demnach gar nicht alle so happy, wie der Name des Tals verheißen mag. Mit den ausschweifenden Partys gehen auch Probleme wie Drogenkonsum und Depressionen einher. Ein schillerndes Beispiel hierfür ist Sylvie. Aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse in Frankreich will sie nie wieder dorthin zurück und hat in Kenia einen Zufluchtsort gefunden, an dem sie ihr Glück zu finden hofft aber insgeheim auch weiß, dass sie es auch dort nicht finden wird. Sie ist schlichtweg gebrochen. Die lärmenden Partys schaffen es allerdings zeitweise, ihren Schmerz zu übertönen.

Genauso wie zwischen Theo und Sylvie besteht auch ein zwiespältiges Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter. Eine zeitlang vermutet man, sie sei nicht seine leibliche Mutter, weil sie ihn weniger liebevoll behandelt als ihre Tochter und er ganz anders ist als diese. Es bleibt offen, warum sie so streng zu ihrem Sohn ist, aber wahrscheinlich hat sie Angst um ihn und ahnt, was ihm im Happy Valley Set widerfahren wird.

Das zentrale Thema Kolonialismus wird aus verschiedenen Perspektiven angeschnitten, ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen. Der heutige Leser ist den Figuren zeitlich voraus, denn diese wissen nicht, was auf sie zukommen wird, nämlich das volle Ausmaß des Zweiten Weltkrieges. Wir Leser mit unserem heutigen Wissen verurteilen Freddie sofort, als er sich als Charismatiker in der Politik engagiert; Freddie selbst hingegen hört keinerlei Alarmglocken. Die Einzige, die sich gegen ihn stellt, ist Maud. Auch hier beweist sie charakterliche Stärke und ein Gespür für politische Entwicklungen.

Doch trotz der herausragend guten Darstellung der exotischen Atmosphäre und der verzwickten Personenkonstellationen hat irgendwas an der Geschichte gefehlt. Man hätte noch mehr aus dem „Set“ machen können. Manche Handlungen der Charaktere bleiben unschlüssig. Dadurch wirkt auch Theos begangener Mord an Freddie am Ende etwas an den Haaren herbeigezogen. Das Ende generell passt meines Erachtens nicht zur übrigen Geschichte. Viel spannender wäre gewesen zu erfahren, was geschehen wäre, wenn die beiden Morde nicht passiert wären. Hätte es eine Zukunft im Happy Valley Set gegeben?



Best Quote

„Unser Zuhause – Schottland – hatte frisch gerochen, nach Heide oder nach Salz, wenn der Wind direkt vom Meer herübergeweht war. […] Afrika roch zu stark – fischig, pfeffrig, verfault und rauchig, alles gleichzeitig -, und anfangs hatte ich befürchtet, von den vielen verwirrenden Gerüchen ohnmächtig zu werden.“ (S. 11)



Learning

Heimat ist das, was man selbst daraus macht. Es ist das, wofür man sich stark macht. Es ist aber auch das, wo man so akzeptiert wird, wie man ist, wo man sich willkommen fühlt.

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